16.1.06

2. Essay, Fragestellung: Strukturalismus

Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss’scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?

Der Strukturalismus lässt sich auf den Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857-1913) zurückführen, der bereits zu Beginn des 20.Jahrhunderts in seinen Vorlesungen (über z.B. den Kontrast zwischen Grammatik und Sprache- langue und parole) die Grundlage für diese neue Methode schuf. Allgemein beschäftigen sich Strukturalisten damit, Phänomene nicht isoliert voneinander zu verstehen, sondern diese auf ihre Beziehung untereinander, auf ihre Zusammenhänge zu untersuchen- die Form ist wichtiger als der Inhalt. Für die Anerkennung des strukturalistischen Denkansatzes in der Kultur- und Sozialanthropologie ist Claude Lévi-Strauss (geb.1908) verantwortlich. [2: S.120,122], [4]

Leben und Einflüsse Lévi-Strauss´:

Claude Lévi-Strauss, geboren 1908 in Brüssel, wuchs als Sohn eines Künstlers auf und studierte Rechtswissenschaft und Philosophie. Sein frühes Interesse an der Geologie (den spezifischen Veränderungen von Landschaftsoberflächen im Gegensatz zu den konstanten tiefen Strukturen) kann als Basis seiner später entwickelten Theorie des Strukturalismus in der Kultur- und Sozialanthropologie gesehen werden. An der Universität von Sao Paolo unterrichtete er zwischen 1935 und 1938 Soziologie, anknüpfend u.a. an Robert Lowie und dessen Werk "Primitive Society", in dem Lowie eine "chaotische, planlose Zivilisation" beklagt- Lévi-Strauss setzte diesem angedeuteten Bedürfnis nach mehr Klarheit später seine rationellen Erklärungsmodelle entgegen.[1: S.208], [2: S.125]

Doch nicht nur die Begeisterung für Geologie und der Aufenthalt in Brasilien- verbunden mit Forschungsreisen im Amazonasgebiet- wirkten auf ihn: in der Zeit des zweiten Weltkriegs musste Lévi-Strauss auf Grund seiner jüdischen Herkunft nach New York auswandern, wo er einerseits mit Struktur-Linguisten (wie Roman Jakobson), andererseits mit der sogenannten "Boas-Tradition" konfrontiert wurde. Auch Freud und Marx beeinflussten ihn (Lévi-Strauss sagte, [...]er schreibe über nichts, ohne davor nicht Marx gelesen zu haben[...] [Barnard (2000): S.210]) ; wesentliche Ideen übernahm er jedoch direkt von seinem Lehrer Marcel Mauss und von Emile Durkheim- Mauss` Werk Die Gabe war eine entscheidende Inspiration für Lévi-Strauss´ Theorie des "Frauentauschs". [1: S.209]

Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte Lévi-Strauss wieder nach Paris zurück, wo er 1948 maître de recherche am Centre National de la Recherche Scientifique und Sub-Direktor des Musée de l´Homme wurde. Ab 1949 unterrichtete er am École Pratique des Hautes Études (EPHE), wurde zum Direktor ernannt und bekam schlußendlich noch den ehemaligen Lehrstuhl von Marcel Mauss und Maurice Leenhardt für vergleichende Religionswissenschaften. 1960 gründete er "das" anthropologische Journal Frankreichs schlechthin mit dem Titel L´Homme. Von 1959 bis zu seiner Pensionierung 1982 war er Professor für Sozialanthropologie am renommierten Collège de France.[1: S.209], [4]

Seine Forschungsmethoden bewegten sich chronologisch zwischen denen der "armchair anthropologists" und der Langzeit-Feldforschung, wobei besonders in seinem Werk Tristes tropiques (1973)- basierend auf seinen Erkenntnissen von der Forschung in Brasilien- seine Empathie der Feldforschung gegenüber zu erkennnen ist. Für ihn war es üblich, zuerst rational die Strukturen eines Phänomens festzustellen und dann erst seine Erkenntnisse empirisch zu überprüfen.[1: S.209], [2: S.120]

Haupt-Aussagen:

Claude Lévi-Strauss schaffte es, die schon in der strukturellen Sprachwissenschaft und der kognitiven Anthropologie aufgeworfenen Theorien des Strukturalismus an einen Höhepunkt zu treiben: er suchte nach den Strukturen hinter bereits bestehenden Strukturen, nach dem Prinzip einer psychischen Gemeinsamkeit- von ihm als l´esprit humain bezeichnet.[2: S.127]

Diese "Vorliebe" für universelle Ordnungen führte ihn zum Aufstellen einiger Theorien- zwei davon, die bis heute noch Gültigkeit haben, möchte ich kurz näher beschreiben:

a, Die Allianz-Theorie

Diese Theorie entstand im Gegenzug zu der bis dahin vorherrschenden britischen Ansicht, dass Verwandtschaft nur durch Abstammungslinien/-ordnungen erschließbar wäre. Lévi-Strauss reduzierte den Faktor der Abstammung (weg von der britischen Ansicht als Basis von Gesellschaft) auf das Element des Heirats-Tauschs, der zwischen den einzelnen Gruppen besteht, und richtete nun den Fokus auf die Heiratsbeziehungen und den damit verbundenen Regeln.

In seinem ersten größeren Werk The Elementary Structures of Kinship (1949/1969) stellt er das universell gültige Inzest-Tabu fest, das in allen Gesellschaften eine sexuelle Beziehung zwischen Angehörigen des Verwandtschaftkerns untersagt. Danach unterscheidet er zwischen zwei unterschiedlichen Systemen:

· komplexe Gesellschaftsformen mit negativen Heirats-Regeln:

Angehörige dieser Gesellschaft (christliche, "westliche" Gesellschaft) dürfen NICHT jemanden aus einer bestimmten Gruppe heiraten (z.B. Cousin und Cousine) während in

· einfachen Gesellschaftsformen mit positiven Heirats-Regeln

...Heiratspartner aus einer bestimmten Gruppe gewählt werden müssen bzw. sollen.

Der Kern seiner Verwandtschaftsanalyse richtet sich darauf, wie Verwandtschaft neu gebildet wird- er abstrahiert hierbei Kultur, um auf logische Erklärungsmöglichkeiten zu kommen. [2: S.128], [5]

b, Mythenanalyse

Anders als Durkheim, der seinen Fokus auf das Ritual richtete, konzentrierte sich Lévi-Strauss auf Mythen, weil es seiner Ansicht nach für Forscher und "Erforschte" ein besser geeigneter Platz ist, um Kultur zu verstehen. Mythos als [...]Sprache fokusiert auf die Metapher[...] [Parkin (2005): S.213] ist laut Lévi-Strauss der Schlüssel menschlichen Denkens.

Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse in der Mythenanalyse sind:

· Die Identifikation mythischer Grundthemen

Durch die hohen Abstraktionen, die Lévi-Strauss für seine Methoden benötigte, kristalisierten sich klare große Themen von (seinen in Nord- und Südamerika erforschten) Mythen, wodurch diese auch gut miteinander verglichen werden konnten. Hierbei stellte er unter anderem fest, dass alle dieser Mythen binäre Gegensätze aufweisen, wie z.B. am Anfang einer Erzählung wird eine Position dargestellt und später das Gegenteil, was die Erzählung aktiv vorantreibt.

· Mythen bestehen aus "Mythemen" (Elemente von Mythen),

die von ihren Erzählern eingefügt und entfernt werden, um (oft unbewusst) etwas Bestimmtes zu vermitteln. Mythen drücken nach Lévi-Strauss symbolische Wahrheit aus und geben Rückschlüsse auf bestimmte Denkmuster- universal oder auf eine Kultur bzw. bestimmte Region bezogen.

· Symbolismus: Mythisches Denken beantwortet Fragen nach dem Wesen der Dinge mit unterschiedlichsten Symbolen und konkreten Analogien (im Gegensatz dazu: philosophisches Denken- abstrakte Antworten, wissenschaftliches Denken- kausale Antworten)

Seine Mythenanalyse wurde später auch in der Traumanalyse angewandt. [1: S.213], [2: S.135], [3], [5]

Nachfolger Lévi-Strauss` und ihre Forschungsbereiche:

Die Arbeit von Claude Lévi-Strauss im Bezug auf Kinship wirkte sich besonders auf die britische Kultur- und Sozialanthropologie aus: vor allem Edmund Leach(1910-1989) und Rodney Needham (geb.1923) griffen die Allianz-Theorie für die Untersuchung bestimmter Kinship-Systeme auf (obwohl ihre Methoden genau gegenteilig von denen Levi-Strauss´ waren). Die universellen Strukturen von Kinship im menschlichen Denken konnten auch in Nordamerika auf großen Zuspruch treffen, wobei die empirische Basis von Lévi-Strauss´ Theorie hier genauso auf zahlreiche Widersprüche stieß.

Der deutsche Strukturalismus entstand aus den Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaften und konzentrierte sich auf Strukturen, die einzigartig in bestimmten kulturellen Gebieten auftreten. Diese Form des Strukturalismus wurde- teilweise unabhängig von Lévi-Strauss- von J.P.B. de Josselin de Jong und anderen deutschen Strukturalisten entwickelt. Spätere deutsche Anthropologen griffen Lévi-Strauss´ Theorien von Mythen und Symbolismus auf und stellten sie in einen regionalen Kontext, der für mehrere Jahrzehnte die deutsche Anthropologie prägte.

Weitere Entwicklungen zwischen 1950 und 1980:

- Luc de Heusch entwickelte in der belgischen Kultur-und Sozialanthropologie eine regional-strukturelle Methode für die Untersuchungen von politischen Prozessen, Kinship-Transformationen, Mythen, Symbolismus in Teilen Afrikas, usw.

- Der britische Anthropologe Roy Willis erarbeitete eine strukturelle Basis von Tier-Symbolismus mit kultur-spezifischen Unterschieden in afrikanischen Gesellschaften.

- Sir Edmund Leach und Marshall Sahlins brachten den Strukturalismus in ihre Untersuchungen sozialer Transformationen ein. [1: S.213], [2: S.136],

Louis Dumont (1911-1998)

Während Claude Lévi-Strauss behauptete, alles im menschlichen Denken sei auf Binarität zurückzuführen (als Grundgegensatz: Natur und Kultur), stand für Louis Dumont die ideologische Hierarchie von Denkmustern im Vordergrund. Er stellte mittels Forschungen in Indien fest, dass dort eine Person nur dann als vollwertiges Individuum gilt, wenn er/sie einer bestimmten Gruppe angehört. Dieses Vorherrschen ganzheitlich gruppenorientierten Denkens in Indien bezeichnet Dumont in seinem Werk "Homo Hierarchicus" (1966) als Holismus. Im Gegenzug dazu kristalisiert er in seinem später erschienen Buch "Homo Aequalis" (1991) für die westlichen Kulturen den Individualismus als dominantes Wertesystem heraus. [2: S.136], [5]

Strukturalismus aus heutiger Sicht:

Da die Erkenntnisse von Claude Lévi-Strauss von einem sehr weitgreifenden Charakter geprägt sind, ist es kaum möglich, diese zu kritisieren. Zwei seiner Theorien können jedoch heute als ungültig bewiesen werden:

a, Es kann nicht, so wie Strauss behauptete, alles im menschlichen Denken auf Binarität zurückgeführt werden; allein schon aus diesem Grund, da unsere modernisierte Welt von einem vernetzten Denken geprägt ist und dies mehr als zwei Prinzipien verlangt. Dan Sperber hat hier als Vertreter von Kommunikationsmustern die Ansätze von Lévi-Strauss weiterentwickelt.

b, Auch seine Behauptung, alle Formen von Verwandtschaftssystemen würden auf dem Prinzip des Frauentausches beruhen, kann aus heutiger Sicht widerlegt werden.

Trotz dieser und anderer Kritiken an Claude Lévi-Strauss ist die von ihm entwickelte Allianz-Theorie und seine Mythenanalyse bis heute noch anerkannt und prägend von/für Kultur- und SozialanthropologInnen. [2: S.129], [5]

Quellen:

[1] vgl. Parkin, Robert (2005): One Discipline, Four Ways. British, German, French and American Anthropology; Chicago and London: University of Chicago Press

[2] vgl. Barnard, Alan (2000): History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press

[3] vgl. Anonymus: Claude Lévi-Strauss. http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss (Zugriff: 08.01.2006, 15:21)

[4] vgl. Anonymus: Strukturalismus. http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus (Zugriff: 08.01.2006, 15:38)

[5] vgl. eigene Vorlesungsmitschrift, „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“, Dr. Andre Gingrich, Universität Wien, WS 2005/06

25.11.05

1.Essay zum GS-Tutorium

Essay zur Fragestellung 2
Funktionalismus: Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.


Die Kultur- und Sozialanthropologie zu Beginn des 20.Jahrhunderts zeigte sich vom Diffusionismus und Evolutionismus geprägt- die “Suche nach Ursprung als historische Erklärung” stand im Mittelpunkt. Dieser zentrale Punkt verlegte sich in Großbritannien- spätestens mit den 1922 zeitgleich veröffentlichten Werken “Argonauts of the Western Pacific”(Malinowski) und “The Andaman Islanders”(Radcliffe-Brown)- entscheidend. Beide Sozialanthropologen richteten ihren Fokus mehr auf das “Hier” und “Jetzt” und auf den Versuch, soziale Phänomene im Hinblick auf ihre Funktion für eine bestimmte Gesellschaft oder Gruppe zu erklären. Dieser gegenwartsbezogene Ansatz- beeinflusst von Durkheim`s Konzepten von Struktur und kollektiver Ideen- wird im Begriff des Funktionalismus zusammengefasst.


Bronislaw K. Malinowski (1884-1942)
…geboren in Krakau, wuchs in einer polnischen Adelsfamilie auf. Mit dem Verfall der Donaumonarchie war er Zeuge der Instrumentalisierung von Geschichte für Eigenzwecke, woraus sich seine Abneigung gegenüber historischer Elemente als “Forschungsmittel” erklären lassen kann. Die klare Trenung zwischen “social anthropology” und “history” war ihm im Zuge dessen wichtig.

1908 machte er seinen Abschluss in Mathematik, Physik und Philosophie und begann danach sein Studium der Anthropologie (als Schüler von C.G.Seligman und E.Westermarck) an der London School of Economics, die wohl die bedeutenste der britischen Anthropologie-Lehr-und Lernstätten darstellte. Zeitgleich mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs begann seine größte und (unfreiwillig) längste Forschungsreise nach Australien/ Trobriand-Inseln, auf der sein berühmtestes Werk „Argonauts of the Western Pacific“ basiert.
Von 1922-38 unterrichtete er selbst in London, was seine einflussreichste Zeit war. Seine berühmten Seminare lockten Schüler von überall her an (wie z.B. Edward E. Evans Pritchard, Sir R. Firth, usw.), denen er u.a. folgende Erkenntnisse mitgegeben haben dürfte:

Seine Theorie vom Funktionalismus:
Alle Teile einer Kultur sind für das Funktionieren aller anderen Teile ausschlaggebend; der Mensch adaptiert nach Malinowski diese Teile in seine physische und kollektive Umwelt. Die Betonung liegt auf den Gemeinsamkeiten, nicht auf den Unterschieden menschlicher Gesellschaften, besonders im Bezug auf soziale Beziehungen (=deutliche Abgrenzung zum Kulturrelativismus).

…daraus resultierend die Relevanz der Feldforschung und die von ihm erstmals erwähnte
teilnehmende Beobachtung
..die endgültig die sogenannten „armchair anthropologists“ ablöste.
Kern der “participant observation”: mit respektvoller Distanz als lernende, bescheidene Person am Alltag teilzunehmen, sich auf die “Zu-Beobachtenden” einzulassen (dementsprechender Sprach-, Kulturerwerb).
Diese Bezeichnung der ethnographischen Feldforschung finden wir heute noch in der Kultur- und Sozialanthropologie, sowie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen (z.B.: Soziologie, Psychologie).

Kritik an Freud
Anhand seiner Forschungen in Nord-West-Melanesien konnte Malinowski eine zu seiner Zeit sehr populäre und weit verbreitete Theorie Freud`s widerlegen: die des Ödipus-Komplex. Da die Trobriander matrilinear organisiert sind, kann die Theorie Freud`s nicht auf sie angewandt werden und ist somit nicht universell gültig.


Alfred Radcliffe-Brown (1881-1955)
…wuchs in Birmingham auf und machte 1904 in Cambridge seinen Bachelor in Psychologie und Ökonomie. Beeinflusst von seinem Lehrer Durkheim, den Ansätzen Rousseaus und dem anarchistischen Schreiber Peter Kropotkin beschäftigte er sich schon von seiner Jugend an mit der Frage, wie Gesellschaften ohne Hierarchie funktionieren.

Seine erste Feldforschung führte ihn von 1906-1908 auf die Andaman-Inseln, wo er auf die „primitivste und elementarste Form menschlichen Lebens“ zu treffen erhoffte. Doch es sollte nicht bei dem bis dahin noch evolutionistisch geprägten Ansatz bleiben: seine Forschungen in West-Australien und seine Veröffentlichung von „Three Tribes of Western Australia“ (1913) bildeten die Basis für „The Social Organization of Australian Tribes“(1930-31), wo er klar und systematisch eine Gesellschaftsklasse behandelte.

Besonders nennenswert ist seine Idee der staatenlosen Selbstregulierung nicht-industrialisierter Gesellschaften anhand des Gleichgewichtmodells. Die sogenannte „Blattmetapher“ veranschaulicht diese Idee bildhaft: …“Die Struktur der Adern gegenüber der Funktion der Flächen spielt zusammen und ergibt als Ganzes das System-Blatt.“ Im übertragenen Sinn gibt die Gleichwertigkeit der Sub-Systeme Zusammenhalt und Balance in einer Gesellschaft. Radcliffe-Brown setzt hierbei das erste Mal die Begriffe „System“ und „Struktur“ gleich.
Aus diesem Ansatz entwickelte sich später die „segmentäre Theorie“.

Weiters ist Radcliffe-Brown verantwortlich für die Etablierung eines weiteren Begriffs: den Strukturfunktionalismus.
Er sah Institutionen als Schlüssel zum Erhalt der globalen sozialen Ordnung der Gesellschaft- zum Beispiel sollten Bräuche für Stabilisation innerhalb der Menschen beitragen. Zum Unterschied an den ursprünglichen Funktionalismus bewegte er sich weg vom Individuum hin zum Platz, den die Person im sozialen Umfeld einnimmt bzw. der Gestaltung von diesem- Radcliffe-Brown nahm dabei keine Rücksicht auf historische Einflüsse. . Für die meisten seiner Schüler war der Unterschied zwischen dem Funktionalismus und Strukturfunktionalismus nicht so groß- viele blieben deshalb bei der Bezeichnung „Funktionalismus“.

Bei der Frage der Grenze der Identität eines Systems gerät der Strukturfunktionalismus an seine eigenen Grenzen, da ein soziales System nicht von selbst erkennen kann, wann und wie es sich verändert hat.

Abschließend möchte ich noch kurz einen direkten Vergleich der beiden Begründer des Funktionalismus wagen:
Die Unterschiede zwischen den beiden ziehen sich von gegensätzlichen Persönlichkeitsmerkmalen über grundsätzlich differentielle „scholarly styles“ bis hin zu deren gespaltenen Auffassungen der „Konzepten von Funktionen“.
Grob unterschieden kann Malinowski als der Empiriker, und Radcliffe-Brown als Theoretiker bezeichnet werden. Obwohl Radcliffe-Brown beinahe schon als Auswanderer gegolten hat (durch seine langen und ausgiebigen Reisen), konnte sich dennoch Malinowski als „der Feldforscher“ schlechthin durchsetzen. Natürlich ist das auf seine schon zuvor genannte Methode der teilnehmenden Beobachtung zurückzuführen, die im Vergleich zu Brown`s Feldforschung aus heutiger Sicht eindeutig vertretbarer ist (er erlernte als erster Feldforscher der Disziplin die Sprache der Einheimischen und lebte auch direkt im Dorf, nicht bei den Kolonisatoren). Oft wurde Malinowski jedoch vorgeworfen, seine Studien wären zu sehr auf die Trobriander fixiert und seien nicht universell gültig.

Für Radcliffe-Brown war es wichtiger, stimmige Konzepte, Methoden und Theorien aufzustellen, Malinowski fand mehr Gefallen an einer „flexiblen“ Wissenschaft, weshalb ihm die Theorie immer ein wenig „nachhinkte“.


Trotz aller Unterschiede und Kritik an einigen Methoden darf der Fokus nicht davon abgelenkt werden, wie viele konstruktive Beiträge Malinowski und Radcliffe-Brown zur Weiterentwicklung der Kultur- und Sozialanthropologie geleistet haben- sie werden beide immer eine wichtige Rolle in der Geschichte und Gegenwart dieser Disziplin einnehmen.

___________________________
Quellen:
Parkin, Robert: The French Speaking Countries, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropologie; Chicago 2005, S.173
Gingrich,Andre: Erkundungen; Böhlau 1999
Bernard, Alan: History and Theory in Anthropology: Cambridge 2004
http://de.wikipedia.org/wiki/